Klonk. Klonk. Lauter Jubel. Klonk. Klonk. Lauter Jubel. Ich blinzele. In der Kothe ist es dunkel und unerträglich heiß. Die Sonne brutzelt schon seit fast vier Stunden auf das schwarze Zelt. KLONK KLONK. Lauter Jubel. Was zur Hölle ist das? Vor Hitze bin ich meinem Schlafsack mittlerweile beinahe gar, aber ich habe nicht die Motivation mich daraus zu bewegen, und schon gar nicht aufzustehen um nachzusehen, woher diese seltsame Geräuschabfolge kommt. Ich drehe mich um. Die roten Ameisen, neben deren Haufen ich mich niedergelassen habe, sind schon fleißig dabei, eine neue Straße quer über meinen Schuhen zu errichten. Meine beiden Mitzeltbewohnerinnen schlafen noch. In Pulli, Inlet und Schlafsack. Ich frage mich ob ich sie anstupsen soll, um mich zu vergewissern dass sie noch nicht verkocht sind. Klonk, Klonk. Lauter Jubel. Jetzt reicht’s. Mir ist warm, ich kann sowieso nicht mehr schlafen und hier meine selig schlummernden Freundinnen und die unhöflichen Ameisen anzustarren hilft mir auch nicht weiter. Also strampele ich mich aus meinem Schlafsack frei, der mir schweißnass an Armen und Beinen klebt, ziehe mein Halstuch über, schüttele ein paar Ameisen von meiner Zahnbürste und klettere aus der Kothe. Gleißendes Sonnenlicht sticht mir in die Augen und die kühle, mecklenburgische Brise fährt durch meine Haare. Klonk Klonk. Lauter Jubel. Ich drehe mich um. Neben unserer Kothe spielen zwei Leute Baumstammweitwurf, während sie lautstark von ihren Sippen angefeuert werden. Aha! Daher also!

Nach dem Frühstück schnappe ich mir unseren Handwagen und ein, zwei Sipplinge und stapfe zur Markthalle. Obwohl ich nicht besonders religiös bin, fange ich doch an, an ein höheres Wesen zu glauben, als ich in der Markthalle heißen, frischen Kaffee finde, den man sich einfach so nehmen darf. Gepriesen seien die tollen Markthallenmitarbeiter*innen, die Langschläfer*innen wie mir den Morgen zumindest ein wenig schmackhaft machen. Als ich das heutige Sortiment betrachte, bin ich schlussendlich gezwungen, meine Lebensgeister nun vollends zu wecken und den heutigen Menüplan umzuwerfen. Es gibt zwar weder Nudeln, noch Mais oder Zwiebeln, dafür aber Chinakohl und Hokkaidokürbis. Na gut. Dann eben keine Käsenudeln, sondern Curry. Ich sprinte zum Gewürzregal, wo zwei Mädchen aus einem anderen Stamm gerade grinsend die letzte Dose Currygewürz in ihren Einkaufswagen fallen lassen. Ich blicke sie finster an. Ein neuer Plan muss her. Am besten schnell, bevor wieder alles weg ist. Hastig packe ich so viele Kartoffeln ein, wie ich kann und zur Sicherheit nochmal 20 Stück mehr, rase zum Kühlregal, schaufle händeweise Würstchen in den Einkaufswagen, renne nochmal zum Zucker und zum Mehl, weil das vorgestern auch schon nicht da war, nehme dort noch jeweils drei Päckchen für schlechte Zeiten mit und spurte dann zur Kasse. Näher bin ich der Erfahrung, in der DDR zu wohnen, noch nie gekommen.

Als wir zu unserem Lagerplatz im Unterlager Haveno zurückkommen, spielen dort die chilenischen Pfadfinder*innen ein lustig aussehendes Spiel. Die Spielenden bilden einen großen Kreis in deren Mitte ein einzelner Spieler steht, der sich mit einem  zusammengepackten Schlafsack an einem langen Seil um sich selber dreht. Jemand ruft „Hühnchen rein!“. Alle Spieler*innen rennen zu dem Kreisenden in der Mitte und müssen dabei dem Schlafsack am Seil ausweichen. Wenn alle bei der Person in der Mitte angekommen sind, ruft die Spielleitung wieder „Hühnchen raus“, und alle rennen schnell wieder raus. Einen der Jungs erwischt der Schlafsack am Kopf, bei einer anderen Spielerin wickelt sich das Seil um ihr Bein und sie wird von den Füßen gerissen. Die Chilenen sind mir sympathisch. Dieses Spiel müssen wir übernehmen!

Abends geht’s dann los zur Krawallschachdel, dem hessischen Unterlagercafé. Zusammen mit meinen mittlerweile volljährigen Sipplingen teste ich mich in einer ziemlichen Geschwindigkeit durch das leckere Café-Sortiment. Als wir nach einer halben Stunde lachend auf dem Stroh sitzen, bin ich mir nicht sicher wie witzig wir wirklich sind und wieviel die entspannte Atmosphäre mit unserer aktuellen Stimmung zu tun hat. Es ist der vorletzte Abend, also schnell weiter ins Déja-Vu von Rheinland-Pfalz wo eine riesige Singerunde stattfindet. Drei, vier, fünf Gitarren samt dazugehörigen Gitarrenspieler*innen sind da und fast das ganze Zelt schmettert inbrünstig ein Lied nach dem nächsten. Auf eine Runde Karten und ein Fischbrötchen (oder eine Zimtschnecke) gehen wir später noch kurz in die Bretterbude, ausgerichtet von „unserem“ Unterlager.

Nachts um halb stehen wir unten beim „Ländle“, seineszeichens das baden-württembergische Café. Ich halte nach dem Leuchtturm Ausschau. Haveno. Der Hafen am Meer. Ich muss lächeln. Mein Heimathafen. Wenigstens noch für ein paar Tage.

 

– Bericht von Cara

 

Bilder gib’s hier

 

 

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