Im Juli 2015 standen gut 220 hessische Pfadfinder*innen aus allen möglichen hessischen Stämmen am Gießener Bahnhof und warteten darauf, endlich in die pinken Busse einsteigen zu dürfen. Nach etwa 22 Stunden Fahrt wurde unsere Fahrtengruppe (aus unserem Stamm kamen knapp 20 Leute mit auf die Fahrt, daher hatten wir uns in drei Gruppen aufgeteilt) etwa 50km hinter der Ungarisch-Rumänischen Grenze aus dem Bus entlassen und wir machten uns zu Fuß auf den Weg.

Drei Wochen lagen vor uns und wir standen etwas verloren um sechs Uhr morgens in einem Dorf, dessen Bewohner*innen aus ihren Toren lugten und die Ankömmlinge misstrauisch beäugten. Also gingen wir erstmal einkaufen. Da jedoch die meisten Rumänen weder Englisch noch Deutsch sprechen, gestaltete sich die Kommunikation etwas schwierig. Gestikulierend zeigten wir auf die Salami, die wir aus der Kühltheke haben wollten. Das klappt zum Glück ganz gut.

Nachdem wir auf einen Hügel geklettert und die Aussicht genossen haben, die einem durch die vielen Weinberge eher den Eindruck vermittelte, man sei in Baden-Württemberg, begann die Mittagshitze. Die rumänische Mittagshitze beginnt allerdings nicht ab 12 Uhr, sondern ungefähr dann, wenn die Sonne aufgeht. Und diese ist nicht besonders angenehm zu ertragen, wenn man bei 55° Grad im prallen Sonnenschein über eine frisch geteerte Straße läuft und das Gefühl hat, dass gleich ein lustiger Finne vorbei kommt um auf deinem Kopf einen Aufguss zu machen. Nicht nur die Hitze machte unsere ersten Tage ein wenig beschwerlich. Auch die Wanderwege, die es auf der Karte gab, aber nicht in Wirklichkeit, boten eine gewisse Herausforderung.

Nachdem wir eine Woche voller Hitze ertragen hatten, regnete es zum ersten Mal. Wenn es in Rumänien heiß ist, dann ist es richtig heiß. Und wenn es regnet, dann gießt es in Strömen. Klatschnass und beinah ertrunken kamen wir in einem Ort an. In der Gesellschaft von zwei kleinen, ebenso nassen Kätzchen, die wir mit Käse-Popcorn fütterten, saßen wir vor einem Supermarkt und fragten im Laden nebenan, ob wir in dem hiesigen Gemeindezentrum übernachten könnten. Da das nicht möglich war, durften wir bei einem Dorfbewohner übernachten. Generell sind die Rumänen sehr gastfreundlich. Wann immer wir nach Wasser fragten, ließen uns die Menschen sofort in ihren Hof und holten für uns Wasser aus ihrem Brunnen, das man bedenkenlos trinken konnte oder zeigten uns den Weg zu dem Dorfbrunnen. Ein anderer Mann lud uns kurzerhand auf seine LKW-Ladefläche und hoppelte mit uns etwa 30 km Serpentinenstraße hinauf, um uns an einem Platz herauszulassen, von dem er sich sicher war, dass wir den unbedingt mal gesehen haben mussten. Er sollte Recht behalten, denn nachdem wir etwa 200 Meter hinabgekraxelt waren, standen wir auf dem Rücken einer Grotte, durch die, 30 Meter unter uns, ein Bach sprudelte, der von einem Wasserfall gespeist wurde.

Je weiter wir ins Landesinnere kamen, desto weniger wurden die Ortschaften und desto mehr Natur gab es. Große Heuberge, die mit einem Holzpfahl in der Mitte vor dem Umfallen gesichert wurden, Männer, die auf Pferdewagen wahlweise Melonen, Holz oder ihre Familie transportierten, gebückte Frauen, die das Unkraut von ihren trockenen Gemüsefeldern zupften, all das sahen wir jeden Tag. Beinah fühlten wir uns in eine Zeit vor der Industrialisierung zurückversetzt, als das Leben nicht nach der Uhrzeit sondern nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang gemessen wurde. Um sechs Uhr früh krähen überall die Hähne, die Hunde fangen an zu bellen, die Katzen schleichen leise umher und die Kuh fällt um und stirbt.

So zumindest begann unser erster Tag beim Bauernhof-Projekt. Das Organisationsteam der Fahrt hatte uns einen Bauernhof organisiert, auf dem wir drei Tage aushelfen sollten. Unsere Arbeitgeber*innen und netten Gastgeber*innen waren Doru und Cornelia. Da Doru am nächsten Tag keine Arbeit für uns hatte, halfen wir seinem Sohn Tibi und dessen deutscher Frau Anja bei der Apfelernte auf ihrem Hof. Bei den beiden auf dem Hof angelangt, erklärte Tibi uns erst einmal ein sehr wichtiges rumänisches Sprichwort: „Je länger und je öfter man Pause macht, desto größer ist am Ende der Erfolg.“ So kam es, dass wir zuerst Kaffee tranken und Kuchen aßen, bevor es überhaupt ans Arbeiten ging.

Am nächsten Tag ging es von unserem Projekt aus ins gut 350 km entfernte Cobor, wo das Abschlusslager stattfand. Als drei Tage später vier riesige Reisebusse auf dem staubigen Marktplatz des kleinen Ortes vorfuhren, war das ganze Dorf auf den Beinen. Eine alte Frau mit Kopftuch und einer kleinen Katze auf dem Arm starrte uns ebenso neugierig an wie ihre pelzige Begleiterin. Ein paar Männer prosteten uns aus dem Schatten mit ihren Bierflaschen zu. Als wir abfuhren, rannte ein kleiner Junge so lange winkend neben uns her, bis die pinken, fremd wirkenden Busse außer Sicht waren.

 

Bericht von Cara

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